Ein Kind sieht seine Mutter an. Die Mutter schaut zur Tür. Sofort weiß das Kind, dass gleich jemand kommt. Diese Fähigkeit ist grundlegend für unser Zusammenleben. Wir müssen verstehen, wohin andere schauen und worauf sie achten. Sonst funktionieren weder Gespräche noch gemeinsames Arbeiten. Doch gilt das überall auf der Welt gleich?
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Leuphana Universität Lüneburg haben genau das untersucht. Sie wollten wissen, ob Kinder aus verschiedenen Kulturen Blicke auf die gleiche Art verarbeiten. Dafür entwickelten sie ein einfaches Spiel auf dem Tablet. 1.377 Kinder aus 17 Gemeinschaften in 14 Ländern auf fünf Kontinenten nahmen teil.
Ein Ballon verrät die Antwort
Die Kinder spielten ein „Ballonspiel" auf dem Touchscreen. Ein Ballon flog hinter eine Hecke. Eine gezeichnete Figur verfolgte den Ballon nur mit den Augen. Die Kinder sollten auf die Stelle an der Hecke tippen, wo der Ballon ihrer Meinung nach gelandet war. Sie hatten nur die Blickbewegung der Figur als Hinweis. Die Forschenden maßen, wie weit die Kinder daneben lagen. Ein computergestütztes Modell wertete die Daten aus.
Das Ergebnis war eindeutig. „Über alle 17 Gemeinschaften hinweg sehen wir genau die Verarbeitungssignatur, die unser Modell vorhersagt", sagt Erstautor Manuel Bohn. Überall zeigte sich dasselbe Grundmuster. Je weiter das Ziel vom Zentrum des Bildschirms entfernt war, desto ungenauer wurden die Antworten. Das spricht für einen gemeinsamen kognitiven Mechanismus, also einen ähnlichen Denkprozess im Gehirn.
Große Unterschiede zwischen einzelnen Kindern
Ältere Kinder schnitten in allen Gemeinschaften besser ab als jüngere. Doch die individuellen Unterschiede waren groß. Manche Vierjährige waren präziser als deutlich ältere Kinder. Die Unterschiede zwischen einzelnen Kindern fielen stärker ins Gewicht als die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Gemeinschaften. „Dass wir trotz unterschiedlicher Präzision einen gemeinsamen Prozess ausmachen konnten, bringt uns der Identifizierung echter kognitiver Universalien näher", erklärt Seniorautor Daniel Haun.
Ein klarer Einfluss zeigte sich bei digitalen Geräten. Kinder, die zu Hause Zugang zu Touchscreens hatten, lösten die Aufgabe präziser. Das galt unabhängig von ihrem Umfeld. „Die Erfahrung mit dem Gerät verbessert die Genauigkeit, verändert aber nicht die kognitive Verarbeitung selbst", so Mitautorin Julia Prein. Die Übung half also nur bei der Umsetzung, nicht beim Denken selbst.
Die Forschenden passten alle visuellen und auditiven Elemente der Aufgabe an die jeweiligen Kulturen an. Sie arbeiteten eng mit lokalen Partnern zusammen. So konnten sie die Gemeinschaften respektvoll einbeziehen und trotzdem wissenschaftlich vergleichen. Die Studie liefert deutliche Hinweise darauf, dass Kinder auf der ganzen Welt ähnliche kognitive Prozesse nutzen, um Blickrichtungen zu verstehen.
Originalpublikation:
Manuel Bohn et al.
A universal of human social cognition: Children from 17 communities process gaze in similar ways
Child Development, 23 January 2026