Der große Hecht frisst den kleinen Barsch. Der Barsch frisst die Elritze. Die Elritze frisst Insektenlarven. Dieses Gefüge aus Fressen und Gefressenwerden hält Gewässer im Gleichgewicht. Das verändert sich jedoch gerade weltweit. Nicht zwingend, weil Arten verschwinden, sondern weil sich die Zusammensetzung der Fischgemeinschaften, ihre Körpergrößen und ihre Rollen im Nahrungsnetz verschieben.
Forschende des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig haben gemeinsam mit Kollegen Daten von fast 15.000 Fischgemeinschaften aus aller Welt ausgewertet – über bis zu 70 Jahre hinweg. Ihr Ergebnis ist im Wissenschaftsjournal Science Advances erschienen: Selbst dort, wo die Zahl der Fischarten insgesamt keinen klaren Trend zeigt, hat sich viel verändert.
Kleiner Fisch, große Wirkung
Die Artenzusammensetzung hat sich in vielen Gewässern deutlich verschoben. Der Anteil großer Raubfische wie Haie, Muskellungen oder Riesenzackenbarsche nimmt ab, während kleinere und weniger spezialisierte Arten zunehmen. "Es heißt, die Kleinen werden von den Großen gefressen – und in der Natur ist das tatsächlich so: Es handelt sich um eine ökologische Grundregel", sagt Erstautor Dr. Juan Carvajal-Quintero, der die Studie während seiner Zeit am iDiv-Synthesezentrum sDiv erarbeitete. Raubfische seien in der Regel größer als ihre Beute, und dieser Größenunterschied bestimme, wer wen fressen kann. "Wenn sich die Größe von Räubern oder Beutetieren verändert, verschieben sich die Nahrungsbeziehungen. Dadurch verändern sich die Nahrungsnetze und letztendlich die Funktionsweise ganzer Ökosysteme."
Die Nahrungsnetze werden außerdem dichter. Einzelne Arten interagieren mit einer größeren Bandbreite an Beutetieren als früher. Das weist auf eine Zunahme sogenannter Generalisten hin, also Arten, die weniger spezialisiert sind. Das kann kurzfristig mehr Flexibilität bedeuten, verändert aber zugleich die Struktur des gesamten Systems.
Wenn Störungen sich schneller ausbreiten
Prof. Ulrich Brose, Forschungsgruppenleiter bei iDiv und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, erklärt die Ambivalenz des Befundes. "Durch die stärkere Vernetzung können sich Störungen schneller zwischen Arten ausbreiten. Gleichzeitig kann sie auch die Fähigkeit erhöhen, Belastungen wie Erwärmung, Nährstoffanreicherung oder Fischereidruck abzufedern." Wie zukünftige Nahrungsnetze auf den globalen Wandel reagieren werden, bleibe deshalb höchst ungewiss.
Ähnliche Muster zeigten sich in Meeren und Süßwassern auf der ganzen Welt. Es ist kein Zufall, sondern ein globaler Trend. Prof. Jonathan Chase, Forschungsgruppenleiter bei iDiv und an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, betont, dass erst die Zusammenschau von Tausenden Studien das volle Bild ergibt. Nur so lasse sich erkennen, wie konsistent und weit verbreitet diese Umstrukturierung tatsächlich ist.
Für die Forschung bedeutet das: Die bloße Zahl der Arten reicht nicht aus, um den Zustand eines Ökosystems zu beurteilen. Veränderungen von Körpergrößen, Ernährungsweisen und Wechselwirkungen liefern entscheidende Hinweise darauf, wie stark sich ein System bereits gewandelt hat. Wer Gewässer schützen will, muss künftig auch die Nahrungsnetze im Blick behalten.
Originalpublikation:
Juan D. Carvajal-Quintero, Maria Dornelas, Lise Comte, Juliana Herrera-Pérez, Pablo A. Tedesco, Xingli Giam, Ulrich Brose, Jonathan M. Chase (2026). Degradation of fish food webs in the Anthropocene. Science Advances