„Die sächsische Fischsuppe ist der Hammer! Nehmen Sie die unbedingt!„, riet der Kommissar von Tisch 1 den vier Ösis an Tisch 2 (alle Tischnummern sind frei erfunden, um die Identität der Gäste zu schützen). Das war nicht übergriffig, sondern absolut richtig. Ich hätte es auch tun sollen, als meine Tischnachbarn an Tisch 8 sich für drei von vier Gängen des Kochsternstunden-Menüs im Caroussel Nouvelle entschieden und somit gegen die Sächsische Fischsuppe à la Bouillabaisse. Aber erstens bin ich ja noch schüchterner als der feinsinnig-melancholische Tatort-Kommissar und zweitens bestellte das Paar mit dem tschechischen Dialekt einen knappen Moment zu früh für den möglichen Hinweis: ich hatte da noch gar nicht angefangen zu löffeln.
Ja, so ein Abend im Bistro des Bülow Palais hat was Kommunikatives, auch wenn man selbst gar nicht viel sagt. Doch wie Kurt Tucholsky schon (in seiner fabelhaften Liebesgeschichte Schloss Gripsholm) beklagte: „Gott schenke uns Ohrenlider. Wir sind unzweckmäßig eingerichtet.“ Also hört man (un-)freiwillig mit – unter Wahrung der Grundsätze der Datenschutzgrundverordnung natürlich – und tut es gerne. Denn Volkes Stimme trifft sich gerne in der Gastro, auch wenn sie etwas gehobener ist. Und so erwähne ich gerne noch das ansonsten ruhrgebietsdeutsch parlierende Paar an Tisch 3 und die dialektal unauffälligen Herren an Tisch 7, die bei der Rotweinauswahl ein Erweckungserlebnis hatten. Der ursprünglich Gebrachte entpuppte sich beim Probeschluck als nicht der Passende, also empfahl die Servicedame nach Zurkenntnisnahme der gewünschten Geschmacksrichtung einen Sächsischen. Das Bier trinkende Gegenüber sofort: Willst Du nicht lieber einen Franzosen oder einen schönen Italiener?“ (er meinte beide Male Wein). Es kam ein Rot von Schwarz – und der passte. Verblüffung beider Herren: was so alles möglich ist in Sachsen, Donnerwetter!
Das neue Konzept des Caroussel als Bistro
Das Coroussel hat sich mal wieder gehäutet, nach dem Sternerestaurant war es ein Spagatrestaurant mit einem Mix aus Finest Dining und gehobener Hotelküche. Das war ein mutiges Konzept, weil ja nicht immer alles zusammen passt, was zusammen angeboten wird – aber mit Wissen oder guter Beratung bekam man halt, was man wollte. Dann folgte auch der Letzte aus dem alten Küchenteam seinem ehemaligen Chef – und die Zeichen der Zeit standen eh auf Wechsel: also ist jetzt der Plan, unter altem Namen ein altes Konzept neu aufleben zu lassen: französische Bistro-Küche (hatten wir ja schon in Bülow’s Bistro 2012!). Das Kochsternstunden-Menü wurde, sehr passend also, auch im vorderen Restaurantteil serviert – dem mittlerweile mit besseren Sitzmöglichkeiten ausgestatteten Bistro.
Alle Tische sind perfekt eingedeckt, die meisten werden in Laufe des Abends tatsächlich belegt. Der Teppichboden sorgt dafür, dass die munteren Unterhaltungen der Gäste nicht zum Ohrendröhnen werden, vier Servicekräfte kümmern sich geschult und aufmerksam um die Gäste. Küchengrüße passen nicht zum neuen Konzept (allerdings sind die Preise auch runter!), aber es gibt zwei Sorten Brot, Aufstrich und Olivenöl – mehr muss ja auch nicht. Aber es steht sehr einladend eine kleine Karte auf dem Tisch, aus der man sich Austern (3 Stück 15 €) und/oder einen Aperitif wählen kann – alkoholfreier Sekt (10 €), Champagner (21 €/28 €) oder so als Geheimtipp den 2017 Pinot Brut Nature von Schloss Wackerbarth (12 €). Da durften Spät-, Weiß- und Grauburgunder-Trauben 30 Monate in der Flasche reifen, um jetzt mit Nullkommanull Restsüße den Auftakt zu einem schönen Menü zu geben.
Thorsten Bubolz ist der neue Küchenchef im Caroussel. Man kennt ihn aus verschiedenen Stationen (u.a. Lesage, Schlosshotel Pillnitz) als besonnenen Koch, der es gerne schnörkellos und geschmackvoll mag. Den Stil hat sich der gebürtige Niedersachse bewahrt, wobei geschmackvoll durchaus auch die Optik betrifft. Natürlich war das Rindertatar super angemacht, mit dem gepickelten Gemüse ist es ein Klassiker. Auch der Coq au Vin ließ sich gut an – wobei mir ja die etwas rustikalere klassische Version besser gefällt, in der der Hahn in der Sauce schwimmt. Hier blitzelte vom Sauceneinsatz und dem Arrangement die fine-dining-Variante durch – aber das Ergebnis zählt (Hauptsach gudd gess, wie die Saarländer sagen). Aber zwischen diesen beiden Gängen kam ja: die Suppe.
Eine Fischsuppe mit Ansage
Sächsische Fischsuppe à la Bouillabaisse ist eine Ansage. In der südfranzösischen Bouillabaisse tummelt sich allerlei Meeresgetier, was viele Geschmacksnuancen zusammenbringt. Kräftig ist sie und sättigend – sowie durch Einsatz von Rouille (einer Knoblauch-Chili-Sauce) pikant. Als zweiter von vier Gängen und weit weg vom Mittelmeer sollten die Parameter anders sein, und sie waren es: eher anregend als sättigend und bei über tausend Kilometern Luftlinie bis Marseille auch nicht mit Mittelmeer-Spezialitäten gemacht, sondern mit solchen aus Sachsen – Lachsforelle und Saibling machten sich aber richtig gut, und wenn man die Suppe zum Beispiel mit Koriander-Öl fein abzuschmecken weiß, kommt es eben zu Spontanausrufen wie „sensationell“ oder ähnlichen Lobpreisungen. Die fernab vom Ursprungsort gerne vergessene Rouille kam hier übrigens auf einem Crostini – fabelhaft.
Das Bülow Palais ist einer der gediegensten Orte in Dresden, um gute, gereifte (und leider manchmal auch sehr preisintensive) Weine zu genießen. Insofern ist man gut beraten, die zum Menü passende Weinbegleitung zu nehmen. Wer mag, kann sich auch für die Fischsuppe und/oder den Hauptgang ein (extra zu zahlendes) Upgrade bestellen – Sommelier Felix Grupe und Jonas Reichenbach (der mich in diesem Jahr wieder vorzüglich beriet, aber das wusste ich ja schon vom Vorjahresbesuch) hatten sich das ausgedacht, um zu zeigen, was man sonst noch so im Keller hat. Beri der Fischsuppe blieb ich beim Standard-Angebot, weil ich mich schon beim Lesen der Karte auf den Haardter Chardonnay vom Weingut Andres gefreut hatte, beim Hauptgang ließ ich mich auf die deutlich ältere Alternative zum Standard ein: 2013 Domaine Jean-Paul et Stephane Magnien Les Sentiers, Chambolle-Musigny Premier Cru, France ist (Premier Cru hin, Jahrgang 2013 her) immer noch ein günstiger Wein aus dem Burgund – was ganz gut die Einstufung gut, aber nicht groß reflektiert. Der Riesling RZ 26 von Martin Schwarz war dann wieder alternativlos, in jeder Hinsicht…
Menü
- Rinder Tartar | gepickeltes Gemüse | Eigelb | Kräutermayonnaise
- Sächsische Fischsuppe à la Bouillabaisse
- Coq au Vin | grüner Spargel | Kartoffel
- Zitronen-Tarte | Minze & Baiser
Weinbegleitung
- 2023 Sauvignon Blanc „Saint Bris“, Domaine Felix et Fils, Burgund, Frankreich
- 2024 Haardter Chardonnay, Weingut Andres, Pfalz
- Bourgogne Pinot Noir Cuvée Simone, Domaine Guy Amiot et Fils, Burgund, Frankreich
alternativ: 2013 Domaine Jean-Paul et Stephane Magnien Les Sentiers, Chambolle-Musigny Premier Cru, France - 2023 Riesling RZ 26, Weingut Martin Schwarz, Sachsen
Info
- 3-Gänge (ohne Fischsuppe) 58 €
inkl. Weinbegleitung 92 € - 4-Gänge 75,00 €
inkl. Weinbegleitung 117 €
Caroussel Nouvelle
Hotel Bülow Palais
Königstraße 14
01097 Dresden
Tel. +49 351-8003140
buelow-palais.de
[Besucht am 10. Februar 2026]