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Trotz allem: "Ich mag hier in den USA die Weite, die Offenheit und das Freiheitsgefühl"

Symbolbild Boston / pixabay giulivec
Symbolbild Boston / pixabay giulivec

Meißen News sprach mit dem deutschen YouTuber Tobias Goebel, der in den USA lebt. Er gilt als Experte für autonomes Fahren, Tesla, Elon Musk und KI. Teil 1: Von Bonn nach Boston.

Tobias Goebel (47) lebt in Boston/Massachusetts, ist von Beruf IT-Ingenieur und betreibt den Youtube-Kanal Tesla Tobi. Es geht ihm vor allem um E-Mobilität, KI und Zukunftstechnologien. Er fährt seit vier Jahren mit seinem Tesla autonom und hat das System FSD (Full Self Driving - supervised) von Tesla sehr genau viele Jahre geprüft. Die Ergebnisse seiner Tests veröffentlich er auf seinem Kanal. Meißen News hat mit ihm gesprochen: Heute Teil 1 - Von Bonn nach Boston.

Hallo Tobias, Grüße aus Sachsen nach Massachusetts. Du stammst aus Bonn. Wie bist Du von Bonn nach Boston gekommen?

Das fing im Jahr 2009 an. Wir wurden damals – ich war bei einer deutschen Softwarefirma in Bergisch-Gladbach bei Köln tätig – übernommen von einem amerikanischen Unternehmen.  Das war ansässig in Orlando, Florida. Sie haben uns gefragt: „Wer hätte denn mal Lust nach Orlando ins Hauptquartier zu gegen?" Da habe ich die Hand gehoben, war dann der Erste von im Endeffekt zwei Leuten, die den Umzug gemacht haben. Damals war das Ziel, erst mal zwei Jahre mit Arbeitsvisum zu bleiben und danach zurückzukehren.

Ich habe neun Wochen im Hotel gewohnt in Orlando, um mich zu akklimatisieren und zu gucken, ob das was für mich wäre. Und dann habe ich mich entschieden. Sieben Monate später kam das Visum und ich bin rübergezogen, habe dann praktisch ein neues Leben begonnen. Aber wie das so spielt, als die zwei Jahre rum waren, dachte ich mir: Jo, gefällt mir hier. Ich habe jetzt keine Lust zurückzuziehen. Kann man das Visum denn noch verlängern? Ja, kann man noch verlängern? Ja, dann machen wir das doch.

 2013 kam ich zusammen mit meiner jetzigen Frau, die auch aus Deutschland stammt, aber amerikanische Wurzeln hat. Der Vater ist Amerikaner. Und dann haben wir gesagt, ja, lass uns das doch mal ausprobieren mit diesem Beziehungsding. Sie war interessiert, nach Amerika zu ziehen, aber nicht nach Florida. Da haben wir auf die Karte geguckt und haben gesehen, dass sowohl mein Arbeitgeber als auch ihr damaliger Arbeitgeber ein Büro in Boston hatten. Boston   kannte ich von einer Dienstreise. Sie kannte es noch nicht, aber wir wussten, es ist eine tolle Stadt. Sehr europäisch geprägt. Und dann habe ich alles gepackt und habe meinen Bruder noch eingeflogen. Der hat dann noch eine Woche Urlaub gemacht und mir mein Auto von Orlando nach oben nach Boston geholt. Zunächst wohnten wir in Somerville, nördlich von Boston. Dann haben wir uns in Melrose ein Häuschen gekauft vor vier Jahren oder fünf Jahren.


Der Youtuber Tobias Goebel aus Boston.


Wenn Du Orlando mit Boston vergleichst, was gefällt Dir besser?

It was good while it lasted. It was fun while it lasted. Das hat Spaß gemacht damals. Ich war jung, ich war Single. Meine Kollegen waren sehr jung. Wir waren dann nach der Arbeit öfter in Downtown. Die ganzen Parks – man kennt ja Orlando eigentlich so für Disney World und Universal Resorts und so weiter – die sind so eine halbe Stunde im Süden. Viele Studenten, viele junge Leute, das Büro war mitten in Downtown. Ich hab dann auch Downtown gewohnt. Und es war immer lustig, immer spaßig. Ich fühlte mich wie praktisch in so einem ewigen Urlaub. Du warst immer unter Palmen. Du konntest in einer halben oder  dreiviertel Stunde am Meer sein. Das Wasser war warm, alles wunderbar. Und dann nach einer Weile wird es einem dann doch langweilig. Ich bin jetzt auch nicht so der Typ, der irgendwie jeden Abend in die Sports Bar geht und Football guckt und so weiter.

Und dann habe ich mich so ein bisschen sozusagen damit auseinandergelebt, war froh, dass ich umziehen konnte. Und Boston gefällt mir doch wesentlich besser, weil als Europäer liegt einem die Stadt wesentlich näher. Sie europäisch, weil es weil es zum Beispiel eine große Innenstadt gibt mit Fußgängerzone. Das ist nicht normal in Amerika. Das ist eine der wenigen Städte, wo du wirklich ziemlich lange laufen kannst, ohne dass da ein Auto rumfährt. Und dann ist die Kulturlandschaft top. Es gibt Universitäten mit Harvard, MIT, viele junge Leute, Boston University, Tufts University, alles bekannte Namen hier. Und das Meer vor der Haustür, du hast die Berge vor der Haustür. Also lebt sich sehr gut hier. Also Boston ist auf jeden Fall Sieger in dem Duell.


Was ist denn für Dich der krasseste Unterschied zwischen Deutschland und den USA?

 Der krasseste Unterschied?  Es gibt natürlich eine ganz andere Kultur hier, ganz andere Interessen. Das Thema Sport hängt hier tatsächlich viel höher. Es gibt andere Feste hier. Thanksgiving ist das größte Familienfest. Da passiert vier Tage lang gar nichts. Da machen praktisch alle zu, alle dicht, alle Büros machen dicht. Donnerstag ist Thanksgiving. Freitag nimmt sich jeder frei und dann hast du Samstag, Sonntag. Das kommt direkt nach Weihnachten... Aber das ist nicht so groß wie bei uns. Vom Lebensgefühl her, mag ich die Weite. Ich mag die Offenheit. Ich mag das Freiheitsgefühl, dass sich hier wirklich so ein bisschen einstellt. Vieles ist  relaxter hier, zum Beispiel auch der Umgang. Auch im Dienstlichen. Da ist es in Deutschland ja noch recht formal und recht förmlich. Gut, wenn du mit Behörden schreibst, schreiben die auch ein entsprechend kompliziertes Englisch. Aber trotzdem ist das Miteinander, auch wenn du mit anderen Firmen und Partnerfirmen und so weiter auf beruflicher Ebene bist, irgendwie lockerer und man fühlt sich irgendwie gut. Jetzt kann man natürlich lange über das politische Klima sprechen. Das trübt die Stimmung schon. Aber letzten Endes ändert sich am Alltag dadurch nichts. Wenn die Bundespolitik irgendwas macht, betrifft das jetzt so eine Stadt wie Boston und betrifft das einen alten weißen Mann wie mich?


Du bist nicht alt, sondern erst 47. Später wurde es in Deinem Leben ein bisschen holprig, oder? Magst Du das mal beschreiben?

Ich habe tatsächlich in den ersten 15 Jahren meiner Karriere, nachdem ich den Uniabschluss gemacht habe, damals in Bonn, da hatte ich eine relativ lineare Laufbahn. Zwar habe ich immer so alle drei, vier, fünf Jahre die Rolle gewechselt, aber immer innerhalb rund um das gleiche Produkt. Und war die ganze Zeit im Software-, Business Software-, Enterprise Software-Umfeld tätig, nicht als Programmierer, sondern eher auf der Business-Seite, anfangs eher noch technisch, später eher Business. Und das Ganze ging 15 Jahre lang gut, bis ich dann irgendwann beschlossen habe, dass ich die Industrie wechseln möchte. Mir wurde das so langweilig, zu repetitiv. Ich habe damals im Call-Center-Technologie-Umfeld gearbeitet. Also Software, die zum Einsatz kommt in Call-Centern, die Calls verwaltet und viel Richtung Automatisierung und Chatbots und IVR, wie man das nennt. Das sind Sprachcomputer, wenn man mit denen telefoniert. Das war so mein Bereich.

Und dann habe ich entschieden, ich mache jetzt mal eine Pause. Hab dann erst gedacht, ich schreibe ein Buch über technologischen Themen. Das habe ich einen Monat durchgehalten, habe dann aber gemerkt, das ist einfach nichts für mich. Ich kann mich jetzt hier nicht ein Jahr lang einschließen inm Café und dort vor mich hinschreiben, das ist nicht mein Ding. Ich brauche ein Umfeld, ich brauche Anregungen. Dann kam Covid. Das war schlechtes Timing. Mein Wiedereintritt in die Jobwelt hat eine Weile gedauert. Ich war dann acht, neun Monate arbeitslos. Hab dann aber wieder eine Stelle gefunden in einer anderen Industrie, und zwar im Internet of Things, Mobilfunk. Es ging nach wie vor um Technologie-Software, aber auch mit dem Einschlag Hardware. Da ging es dann um SIM-Karten und Mobilfunktechnologie und so weiter. Dann wurden wir übernommen und die Firma hat mich dann letzten Endes entlassen. Das war ganz irgendwie auch interessant. Ich war damals schon relativ hoch in der Einstufung und habe mit dem Chief Marketing Officer und Chief Sales Officer zusammen überlegt, wie wir im Marketing Geld einsparen können. Ich habe einige eigene Pläne vorgelegt und auch Neustrukturierung der Kollegen und so weiter. Und wen trifft es dann? Mich selber. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber es machte betriebswirtschaftlich Sinn. Ich war die teuerste Ressource und ich war nicht direkt am Umsatz beteiligt. Und habe das also akzeptiert.

Hat man Dir eine Abfindung gezahlt?

Ja, aber  ich hätte auch mehr rausschlagen können. Allerdings ging es bereits  meiner mentalen Gesundheit schon bergab. Nicht wegen der Kündigung, sondern wegen anderer Gründe. Ich hatte dieses ganze letzte Jahr beruflich schon so ein bisschen Ärger. Es gab Konflikte am Arbeitsplatz und Kämpfe mit Kollegen. Das hat mir, glaube ich, ein bisschen mehr zugesetzt, als ich es mir damals vor einem Jahr zugestehen wollte. Und dann kamen noch private Schwierigkeiten, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte. Aber all das zusammen hat mir dann doch so zugesetzt, dass ich depressiv wurde, dass sich praktisch plötzlich meine Gedankenwelt komplett veränderte, dass ich mir nichts mehr zutraute, mein komplettes Selbstbewusstsein und mein Vertrauen in mich selbst war erschüttert.

Geschieht das plötzlich, von einem Tag auf den anderen oder eher schleichend?

Eher schleichend. Du merkst dann erst mal so, dass du so tagträumst, du sitzt dann vor dem Rechner, hast eigentlich zig Aufgaben, zig Projekte und kannst dich aber auf keine konzentrieren. Du hast dann plötzlich keinen Antrieb mehr und machst dann stattdessen gar nichts. Klickst einfach nur rum, wartest auf die nächste E-Mail, die reinkommt, ob du das da wieder antworten musst, aber bist nicht mehr produktiv. Irgendwann stellst Du fest: Ey, ich bin das sonst nicht so. Und dann fängst du auch an, dich so ein bisschen zu verstecken und so ein bisschen dich rauszunehmen aus bestimmten Situationen, du willst dann auch mit bestimmten Kollegen nicht mehr umgehen.

Und ich hatte das tatsächlich zweimal schon vorher in meinem Leben. Einmal im zweiten Jahr nach meinem Uniabschluss, das war dann komplett neu für mich damals. Ich konnte  damit gar nicht umgehen, habe es damals aber immerhin geschafft, mich so sechs Wochen aus dem Job auszuziehen, mich krankschreiben zu lassen. Und dann bin ich zurückgekommen und dann ging es auch wieder bergauf und ich habe mich gefangen. Das passierte dann nochmal so 2011, da war ich schon in Orlando. Auch da habe ich mich krankschreiben lassen. Da war die Personalfrau total verständnisvoll, hat sich dann sofort gekümmert. Wir hatten damals so eine Short-Term-Disability-Versicherung. Also Kurzzeitberufsunfähigkeit, die sprang dann sofort ein, sodass ich keinen Verdienstausfall hatte. Du willst Dich in dieser Phase komplett isolieren. Du willst sozusagen, dass so eine Hand von oben kommt und dich aus dem Leben rausfischt und dich irgendwo absetzt, wo du mit nichts zu tun hast, keine Verantwortlichkeit hast. Das ist so das Gefühl, was ich habe in diesen Phasen. Jetzt gab es noch Privatprobleme - und ich habe es geschafft, mich von den privaten Problemen zu distanzieren. Ich bin einfach  ausgezogen, habe mir eine neue Wohnung gesucht und dann ging es mir schlagartig besser.

Tatsächlich, das Ausziehen hat geholfen?

Ja. Das war so. Ich hatte vorher schon ein paar Schritte unternommen. Freunde hatten mich motiviert dazu, mich wirklich mal um mich selbst zu kümmern. Ich habe dann tatsächlich erstmal meine Hausärztin angeschrieben, die hat mich sofort weiterverwiesen an so eine Notaufnahme für mentale Probleme. Und dann hatte ich lange Gespräche und Schritt für Schritt versucht, wieder zu alten Kräften zu kommen. Mir war klar, dass ich erst richtig rauskomme aus der Situation, wenn ich einen Cut mache und mich auch physisch woanders hinbegebe.

 Hast Du Medikamente bekommen?

Ja, das habe ich auch. Die nehme ich jetzt schon länger. Hier in Amerika verschreiben sie a gerne Pillen. Ich glaube, das halbe Land ist auf Antidepressiva. Die kriegst du fast schon im Supermarkt. Nee, sie müssen schon verschrieben sein. Aber sie sind sehr freizügig im Vergleich zu Deutschland, was Pillen angeht. Ich nehme sie tatsächlich schon seit 15 Jahren. Die haben mich bislang auch stabil gehalten. Aber ich habe dann die Dosis ein bisschen erhöht, zusammen mit dem Psychiater, als es jetzt wieder akuter wurde.

Interview: Ulf Mallek


Wird forgesetzt. Teil 2 folgt.


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